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Was ist Auswandern?

Im Laufe der Zeit hat sich der Begriff des Auswanderns dem Sinne nach stark verändert. Meint man heut darunter das Verlassen eines Staates und oft auch den Abbruch aller gewachsenen familiären und nachbarlichen Bindungen, konnte man über Jahrhunderte schon das Verlassen der heimatlichen Gemeinde eine Auswanderung genannt werden.

In Bad Vilbel und seinen Stadtteilen herrschten dazu unterschiedliche Bedingungen für eventuell veränderte Familien- und Wohnsitzverhältnisse,

- Bis 1255 konnten sich die Einwohner von Vilbel, Dortelweil und Massenheim an jeden Ort niederlassen, der von den Münzbergern im Auftrag des Königs verwaltet wurde. Die Einwohner von Gronau waren auf den Bereich der damaligen Herrschaft Hanau beschränkt. Der Umzug in die Stadt Frankfurt war noch verhältnismäßig einfach.
Die Einwohner Gronaus waren zu dieser Zeit bereits ausgeschlossen, da ihre Gemeinde nicht der ehemals münzbergischen Landen, sondern der damaligen Herrschaft Hanau zugehörte.

- Von 1255 bis in die Moderne entwickelten sich Voraussetzungen für eine Wohnortsveränderung für die einzelnen Gemeinden unterschiedlich:

- Die Einwohner von Vilbel hatten als Untertanen einer Gemeinschaft verhältnismäßig viel Freiraum für eine Auswanderung innerhalb ihrer Zugehörigkeiten. Sie waren berechtigt, sich nach Vermögensdarlegung und Abzug der Ausstände und der Auszugssteuer (meist 10 bis 20% des übriggebliebenen Vermögens) innerhalb der Territorien ihrer Ortsherrschaften nach üblichen Voraussetzungen wie Einzugs- und Beisassengeld niederzulassen. Dies waren im Kern die alten Herrschaften Königsstein und Hanau, zuletzt die Landschaft

- Die Einwohner von Gronau und Massenheim waren auf die Hanauer Lande und zuletzt auf die Landgrafschaft Hessen-Kassel beschränkt während die Dortelweiler sich als Untertanen der Reichsstadt Frankfurt seit etwa 1450 auf die Stadt und die dazugehörigen Dörfer Bonames, Bornheim, Dortelweil, Nieder-Erlenbach, halb Niederursel und Oberursel beschränken mussten.

Der Umzug in die jeweiligen zugehörigen Gebiete konnte bei der Beachtung der vorgegebenen Bestimmungen wie Auszugsgeld, Überprüfung des Familienverhältnisse, Schulden , Guthaben usw. unter Voraussetzung eines entsprechend großen Restvermögens ohne Schwierigkeiten durchgeführt werden.

Es galt: Bleibt der Untertan im entsprechenden Herrschaftsgebiet seines Ortsherren, gehen diesem keine Einkünfte verloren, sie werden nur an einem anderen Ort erhoben.

Schwieriger wurde es, wenn es sich , egal aus welchen Gründen, um eine Umsiedlung in das Territorium eines anderen Grundherrn ging. Da musste dann gerechnet werden , weil dem Herrn Einkünfte verloren gingen. Alle steuerlichen Abgaben wurden auf 30 Jahre hochgerechnet und daraus ein Pauschalbetrag bestimmt. Dazu mussten Anteile an möglichen Besthaupt (Sterbegelder) und besonders die Leibeigenschaftsablösung gezahlt werden. Mancher Auswanderungswilliger, der in der Fremde keine große Erbschaft zu erwarten hatte und sich damit eine neue Existenz gründen konnte, überlegte sich die Veränderung wenn aufgrund der Berechnungen sein Vermögen wie Schnee in der Sonne dahinschmolz.

Es gab aber auch Zeiten, in denen sich eine Regierung überlegte, wie Geld einzusparen sei. Wenn der Anteil von Armen in einem Ort zu groß wurde und für gemeindlicher wie herrschaftlicher Armenkasse die Kosten zuviel wurden, überlegte man schon einmal, ob es nicht billiger sei, für die gesamte Gruppe die Überfahrt z.B. nach Amerika zu bezahlen und damit das „Problem“ ein für allemal aus der Welt zu schaffen.

Bestimmte Auswanderungen wurden staatlicherseits sogar unterstützt wie die in die österreichischen Grenzlande, wozu Kaiserin Maria Theresia aufrief oder teilweise die nach Russland. Diese Auswanderungen wurden von offiziellen Werbern organisiert und ruchgeführt.

Die vorstehenden Möglichkeiten galten für die ehrlichen, gesetzestreuen Untertanen. Wer die offiziellen Möglichkeiten einer Auswanderung nicht in Anspruch nehmen konnte oder wollte hatte nur zwei Möglichkeiten:

- konnte sich der Betreffende in eines der bestehenden Heere werben lassen. Dies war jedoch in der ersten Zeit nicht leicht möglich, da es anfangs landsmannschaftliche Zusammensetzungen der Kontingente gab, die von den Landesherrn nach entwichenen Untertanen durchsucht wurden, oder das „heimliche Entwichen“ aus der angestammten Herrschaft. Hierbei wurden der oder die Betreffende anschließend polizeilich gesucht und bei der Ergreifung gerichtlich belangt, Die Strafe war unterschiedlich, teilweise gab es Verurteilungen zur Zwangsarbeit (Schanzen oder andere Mitarbeit an Staatsbauten), aber auch solche zu Zuchthaus oder in leichteren Fällen Gefängnis. Dazu kam eine empfindliche Geldstrafe, die sich auch auf Verwandte erstrecken konnte, sowie ein Verbot der Übernahme eines Ehrenamtes auf unbestimmte Zeit.

Konnte der Flüchtling nicht gefasst werden, hatte die zurückgelassene Familie dafür zu büßen. Sie stand grundsätzlich unter Verdacht, geholfen zu haben, musste Geld- und andere Strafen erdulden und in besonderen Fällen Haus und Hof verlassen. Jede mögliche Erbteilung konnte unter Vorbehalt stattfinden, da der Anteil des Flüchtigen beschlagnahmt wurde. Kam er oder sie nach Jahren vielleicht aus der „Neuen Welt“ erfolgreich zurück, musste er oder sie sich von der Strafe abkaufen und verlor einen Teil seines eventuellen Erbes, war er oder sie mittellos, wurde der Erbanteil eingezogen und die Familie hatte sowohl die Strafe zu zahlen als auch den Unterhalt des oder der Betreffenden.

Text: P. Fleck

Auswanderungskiste

Textbearbeitung: Christine Schmidt

Foto: Wolfgang Boos